Tuttlingen (pm). Kann ein Kontinent eine Seele haben? Diese Frage stand im Mittelpunkt der gemeinsamen Vortragsveranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde und der überparteilichen Europa-Union Tuttlingen in der Evangelischen Stadtkirche. Dr. Dieter Heidtmann, Pfarrer und Politikwissenschaftler, gab in seinem spannenden Vortrag hierauf eine Antwort.

 Dr. Dieter Heidmann

„Am Anfang der Geschichte Europas steht ein Traum: Als der Göttervater Zeus die liebliche Europa, die Tochter Asiens, entdeckt, ist er von ihrer Schönheit ganz hingerissen und entführt sie mit den Worten: ‚Sei unbesorgt, du Schöne, denn einer herrlichen Zukunft trage ich dich entgegen‘. So beginnt Pfarrer Heidtmann, gleichzeitig Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Baden, mit seinen Ausführungen. Er spannt einen Bogen über die historischen Wegmarken in der Geschichte Europas, gespickt mit philosophischen Ansätzen und zeigte dabei auch auf, welche Rolle die Reformation der Kirche dabei spielte.

Der Traum eines geeinten Europas, das gemeinsam für Frieden, Freiheit und Wohlstand steht, sei Realität geworden, und zwar in einem Maße, wie es sich Robert Schuman es sich seinerzeit nicht hätte träumen lassen. Die Union sichere, manchmal auch gegen schwierige nationale Interessen, Demokratie und Rechtstaatlichkeit in der EU. Innerhalb der EU seien die Grenzen für Bürgerinnen und Bürger, Güter und Dienstleistungen in hohem Maße abgebaut worden, was in vielen EU- Staaten nach dem Krieg zu einem Wohlstand geführt habe, der 1950 vollkommen unvorstellbar war. Dennoch stagniere seit einigen Jahren die innere Entwicklung Europas, weshalb die EU nur mit Krisen wahrgenommen werde. Dies habe drei Ursachen: Erstens eine falsche Selbstverständlichkeit, dass die Errungenschaften der EU als selbstverständlich genommen werden. Zweitens gäbe es offene soziale Fragen. Eine Ausgrenzung vom Wohlstand führe zur Entsolidarisierung. Und drittens herrsche nach Ansicht Heidtmanns eine gewisse Mutlosigkeit in der Politik. Auch daher müsse man Europa eine Seele geben, die die „Zusammensetzung der Teile“ bewirke.

Das, was Europa im Innersten zusammenhält, sei die Seele Europas, so der Pfarrer. Und auch im EU-Vertrag von Lissabon in der Präambel sowie in den Artikeln zwei und drei sei diese Seele niedergelegt: die Verpflichtung zur Gleichheit, Freiheit und Einhaltung Menschenrechte, welche aus dem religiösen humanistischen Erbe abgeleitet werde. Doch mit rein juristischer Expertise oder wirtschaftlichem Know-how werde Europa keinen Erfolg haben. Daher bedürfe es „frischer Luft für die europäische Idee“, wie es Jacques Delors bereits 1992 auf einer Tagung der Konferenz Europäischer Kirchen formuliert habe. Hier sind neben den Kirchen auch Gewerkschaften und jeder Einzelne gefordert, damit Europa nicht auseinander bricht: Menschen sollten zusammenkommen und sich begegnen.

Pfarrer Jens JungingerZuvor hatten der Tuttlinger Pfarrer Jens Junginger sowie die Kreisvorsitzende der Europa-Union, Wencke Weiser, die Zuhörer begrüßt und sie auf den anregenden Vortrag eingestimmt. Abschließend wurde noch intensiv diskutiert und Ideen ausgetauscht, wie gerade in der jüngeren Generation wieder mehr multilaterale Begegnungen organisiert werden können und ein das Projekt Europa neu beseelt werden könnte.